Beispiel-Kommentar aus SYSTEMATISCH BACKGAMMON, Second Edition

MATCH-DOPPEL

Kommentar 25: Unspektakulär aber entscheidend

Das war eine starke Entscheidung: In der Finale eines großen Turniers beim Stand 18:19/21 in der Stellung aus Diagramm 31 doppelt Schwarz. Das Problem ist:

- lehnt Weiß ab, ist es beim Score n2:n2 praktisch DMP - den Vorteil im aktuellen Spiel hat sich Schwarz in einem Ausgleich des Scores umgetauscht: die SCh = ca. 55%, MCh (bei n3:n2) = 40%. Wenn man der gängigen Theorie Glauben schenkt, wonach Äpfel mit Birnen verglichen werden, hat Schwarz sogar einen Gewinn gemacht: für 5% SCh bekommt er 10% MCh! Aber das hieße, die Rechnung ohne den Wirt zu machen,

- man kann kaum von einem erfahrenen Spieler erwarten - und wer im Finale spielt, ist meistens einer -, daß er sich so leicht beeindrucken läßt und gleich die Flinte ins Korn wirft. Wenn - was anzunehmen ist - Weiß annimmt, dann entsteht für Schwarz folgende Situation:

a. er gewinnt doppelt und kommt im Genuß des Crawford-Spiels: 70% Matchchancen.

b. er verliert - er verliert alles.

Da nun Weiß praktisch gezwungen ist anzunehmen, bedeutet das, daß Schwarz seine Chancen das Match bei DMP zu entscheiden (kein Doppel) aufgibt, um ein großer Favorit zu werden. Aber nicht nur mit diesen Chancen bezahlt er seine Hoffnung auf einen entscheidenden Vorteil sondern auch mit dem fast 45-%igen Risiko das Match zu verlieren.

In dieser Bilanz wurden die Gammon-Chancen nicht berücksichtigt. Die von Schwarz werden durch das Doppel entwertet (das bedeutet übrigens nicht unbedingt Verlust, denn um sie zu realisieren, muß man oft etwas riskanter spielen - in diesem Fall hätte man es nicht mehr nötig). Aber Weiß hat ziemlich hohe Gammon-Chancen, ca. 24% - und diese bedeuten auch für ihn das Match, falls er doppelt und gewinnt.

Um die Lage übersichtlicher zu haben, haben wir eine Tabelle mit den Spiel- und Matchchancen von SchwarzWeiß erstellt.

MCh

SCh 1x 2x

-45 30% 0%

24 70% 100%

31 50% 70%

Man kann die Situation auch so formulieren:

Um mit 31% SCh seine MCh von 50% auf 70% zu erhöhen, "bezahlt" Schwarz Weiß damit, daß er ihm doppelt (45 zu 24) so viel Matchgewinne wie sich selbst gewährt!

Oder, wenn man die Matchgewinne verrechnet:

21% (45-24), denen eine Steigerung der weißen Matchchancen von 70% auf 100% entspricht, stehen 31% gegenüber, denen eine Steigerung der schwarzen Matchchancen von 50% auf 70% entspricht. (Der qualitative Sprung des Matchgewinns bleibt unbewertet!)

Man müßte also 21% SCh und 30% MCh-Steigerung mit 31% und 20% Steigerung vergleichen können (21x30 und 31x20 bzw. 63 für Weiß und 62 Schwarz?), um zu erfahren, welche größer ist, also ob das Doppel sich lohnt. Wie man das rigurös anstellen könnte, ist uns nicht bekannt, es sieht aber stark danach aus, daß Weiß in diesem Kuhhandel dazugewonnen hat.

Bemerkung: Bei dem Score und den Chancen funktionieren weder die Match-Faktoren noch der Doubling Point.

Am Brett fällt auf, daß Schwarz drei Steine im weiße Haus hat, ein Rückstand von 15 EP, gut 2 Würfe. Man wäre eigentlich veranlaßt zu glauben, daß er ein Haltespiel mit 2 Halteelementen (Backgame) hat, und, da ein weißer Stein auf der Bar ist, zum Teil auch erfolgreich war. Aber ein Backgame hat nach dem einen Schlag noch lange zumindest bis zu einer entscheidenden Wende.

Die strategische Lage von Weiß ist mit den vielen, diversifizierten Builder besser als die von Schwarz mit seinem Prime-Stümmel und dem Blot. Eigentlich der Vorteil von Schwarz, außer dem weißen Stein auf der Bar, scheint sich darauf zu beschränken, daß er am Wurf ist! Aber es sind mehrere taktische Ziele, die er erreichen muß, um die Chancen spürbar zu steigern:

- den Blot im Haus zu decken,

- einen weiteren weißen Stein zu schlagen.

Diese Ziele sind aber dupliziert (nur mit Pasch 4 erreichbar), also er wird im besten Fall zunächst nur einen davon erreichen, was WeißSchwarz Gelegenheit geben wird, wieder ins Spiel zu kommen und von seiner besseren Lage zu profitieren.

Weiß nimmt und Schwarz wirft 4:3. Er muß sich zwischen zwei Zügen entscheiden: Decken des Blots im Haus mit 6-3 oder Schlagen eines zweiten weißen Steins mit 22-15*. Vermutlich vom eigenen Wagemut eingeschüchtert, entscheidet sich Schwarz für den vermeintlich sichereren Zug: 6-3, 24-20. Aber gerade jetzt hätte er schlagen sollen, denn mit 22-15* erreicht er vier Sachen auf einmal:

1. er gleicht seinen Rückstand aus (genau 15EP),

2. er bringt einen Hintermann nach vorne als Builder und Bedrohung für P14,

3. er reduziert die schwarzen Builder für die Blockade gegen den Rest seiner Hintermänner,

4. zwei gegnerische Steine auf der Bar bedeuten Tempogewinn für weitere Ziele.

Auch im schlimmsten Fall, wenn Weiß mit beiden Steinen eintritt und schlägt (er hat übrigens 1:3 geworfen!), ist Schwarz ein Favorit: vier freie Punkte zum Eintreten + etliche Retourschüsse + eventuell Konsolidierung des Backgames. (Pasch 3 wäre aber die Katastrophe!)

Übrigens auch im Sinne seiner Spielstrategie hätte Schwarz sich für den Schlag entscheiden müssen: Er hat immer noch ein Backgame, und das Schlagen eines weiteren Steins ist effizienter dafür als die Deckung eines Blots bzw. die Schließung des dritten Punktes im Hause.

Noch eine Bemerkung zum Stil: Zum wagemutigen (halsbrecherischen?) Doppel hätte auf jeden Fall ein rücksichtsloses Schlagen gepaßt.